Reittherapie: Patienten
vom Kindes- bis ins Rentenalter

„Pferdestärke“ in Kornharpen bietet Menschen einen Weg zum Gleichgewicht

Wer an Pferdestärke denkt, denkt an Autos? Das muss nicht stimmen. Nicht in Bochum. In Kornharpen gibt es einen Hof, gelegen zwischen Autobahnkreuz und Ruhrpark-Zubringer, der stark macht. Und zwar mit Pferden.

Reittherapie wird auf dem Hof „Pferdestärke Bochum“ am Kappweg angeboten, das Bewegen am, mit, auf dem Pferd. Therapeutisches Reiten für Kinder und Erwachsene, mit allen möglichen Formen der Einschränkung. Rund zweihundert Menschen tun das im Moment, die Warteliste ist sehr lang. „Wir haben hier Patienten von zwei Jahren bis ins Rentenalter“, sagt Inhaberin Lorena Schenuit, „die älteste ist eine über 70-jährige MS-Patientin, die letztens sagte: auf dem Boden mache ich Rückschritte, auf dem Pferd Fortschritte.“

„Das Pferd hat eben Komponenten, die in der Therapie helfen“, sagt Schenuit, „unsere Hüfte wird beim Reiten in alle drei Dimensionen bewegt, so passiv, als wenn der Mensch selbst gehen würde. Und das müssen wir mit unserem Körper ausgleichen.“

„Pferde spiegeln uns“

Das Pferd sei auch bei psychischen Problemen hilfreich: „Als Flucht- und Herdentier will das Pferd mit uns kommunizieren, es nimmt Kontakt auf, es spiegelt uns aber auch. Es testet uns aus, will wissen, wer der Chef ist. Das kann gestörte Selbstbilder revidieren“, so Schenuit, „aber Pferde verzeihen auch Fehler und lenken einen auf die richtige Bahn. Die Patienten müssen selbst Grenzen setzen. Aber die Tiere haben auch verschiedene Charaktere, ein Angstpatient und ein freches Pferd passen natürlich nicht zusammen.

Man brauche also unterschiedliche Pferde für verschiedene Zwecke, meint Lorena Schenuit, die auch noch eine Ergo-Therapie-Praxis auf dem Gelände betreibt. Zu den Pferden ist die 29-Jährige schon als Kind gekommen, der Hof wurde früher von ihrer Großmutter betrieben, die ist dort also aufgewachsen. „Das ist für mich schon mehr als eine reine Pacht“, lacht Schenuit.

Pferdestärke sucht noch Mitarbeiter

14 Tiere leben derzeit auf dem Kornharpener Hof, elf davon sind Therapiepferde von sehr klein bis ganz groß. „Zuallererst müssen die Pferde lieb sein, wir brauchen immer die Möglichkeit, den Patienten auf dem Pferd zu sichern. Aber ein Therapiepferd ist auch immer nur so gut, wie es sich wohlfühlt, die müssen es gut haben, um einen guten Job zu machen“, sagt Lorena Schenuit. Auf dem Hof arbeiten denn auch gleich viele Menschen rund ums Pferd.

Dabei ist die Finanzierung gar nicht so einfach: Die Reittherapie muss privat bezahlt werden, keine Krankenkasse springt dafür ein. „Deswegen haben wir oft auch sehr schwere Fälle“, erzählt Lorena Schenuit und meint Menschen, die eigentlich im Rollstuhl sitzen und in Kornharpen auf einem Pferd ihre Runden drehen, „manche gelten als austherapiert.“ Man könne auch nicht jeden Patienten aufs Pferd setzen, es gebe zum Schutz der Tiere eine Grenze von 90 Kilo Körpergewicht.

Pferdestärke Bochum sucht noch Personal – am besten Physio- oder Ergotherapeuten, die sich schon mal mit der Reittherapie beschäftigt haben oder selbst vom „Pferdevirus“befallen sind. Das soll es ja geben.

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