HistoBo: Brennerei im Wandel der Zeit

Erst Brennerei, dann Gastronomie und bald Büros

„Vom Nutzen des Umnutzens“ heißt ein Buch, das 2009 unter anderem vom LVR-Amt für Denkmalpflege in Westfalen herausgegeben wurde.

In diesem hochinteressanten Buch schreiben die Autoren über gelungene Sanierungen und neue Nutzungen alter Denkmäler und Industrieobjekte. Viele Beispiele zeigen, dass solche baulichen Kleinode wie der Ringlokschuppen in Bielefeld oder die alte Badeanstalt in Wuppertal-Barmen für gastronomischen Zwecke umgenutzt wurden. So auch die alte Brennerei Eickelberg in Langendreer, die extrem aufwändig saniert und am 22. März 1994 inoffiziell als Gastbetrieb eröffnet wurde.

Volles Haus beim Neubeginn

Es soll extrem voll und erdrückend eng gewesen sein, als Heike Paske mit ihrem Vater Joachim den Neubeginn im alten Gemäuer feierte. „Ich kann mich auch noch gut an das erste Gespräch mit den Denkmalpflegern erinnern“, sagt Horst-Dieter Kuligga, der damals Verwaltungschef im Bochumer Osten war. Ein Antrag auf Abbruch des Gebäudes war schon auf dem Weg gewesen, als man mit der Wattenscheider Getränkeverlegerin Ruth Gabriel eine engagierte Investorin fand.

„Lange Zeit stand die Brennerei versteckt und darum unbeachtet im Hinterhof der einstigen Gaststätte Eickelberg“, schreibt Imme Wittkamp, eine der Autoren, in „Vom Nutzen des Umnutzens“. Und weiter „als das Augenmerk der Denkmalpflege auf das Gebäude fiel, war noch nicht bekannt, dass im Inneren die vollständige technische Ausstattung erhalten war. Eine erste Begehung zeigte, dass es sich um ein besonders eindrucksvolles Beispiel der Brennereitechnik des 20. Jahrhunderts handelt.“

Umfassende Sanierung

Der zum Teil baufällige Turm wurde im oberen Bereich abgetragen, mit den alten Steinen wieder aufgemauert und von einer Spezialfirma gerichtet. Im Inneren mussten die stellenweise nicht mehr tragfähigen Decken saniert werden. Die Erhaltung der kleinteiligen Eisensprossenfenster war wichtig. Deshalb bekamen diese, nach einer gründlichen Aufarbeitung eine Isolierverglasung: Etwa 930 kleine Scheiben sind eigens für die große Fensterfront gefertigt worden. Und, ganz wichtig für die Denkmalschützer: Die gesamte technische Ausstattung wurde überarbeitet und saniert.

MGV Glocke sang zur Eröffnung

Zur offiziellen Eröffnung gab es im Übrigen einen Spontanauftritt des Männergesangvereins „Glocke“, der exakt 100 Jahre zuvor bei Eickelberg gegründet worden war. Natürlich nicht in der Brennerei, sondern im zur Straße gelegenen Lokal Eickelberg, dessen Abriss erst den Blick auf das Industriedenkmal frei machte. Heike Paske bekam sogar eine Kopie der Gründungsurkunde.

Nach einigen Pächtern, darunter die Nutzung als beliebte italienische Gastronomie „Vecchia Trattoria“, stand die gleichermaßen wunderbare und originelle Immobilie lange Zeit leer. Die Besitzer Nils Scharla und sein Vater Hans-Ulrich hatten bereits einen Verkauf versucht. Die für 490.000 Euro geplante Versteigerung im September 2021 scheiterte. „Deshalb werden wir das Objekt behalten und mit Ruhe und Geduld zu Büros umbauen“, sagt Nils Scharla. Alle Liebhaber der alten Brennerei wünschen ihm von Herzen, dass auch er schließlich „vom Nutzen des Umnutzens“ profitiert.

Für kreative Aktionen war der Männergesangverein Glocke in den letzten Jahrzehnten immer gern zu haben. Unter ihrem Vorsitzenden Horst Kiel (2.v.re.) ließen die Sänger der Glocke ihre Stimmen bei vielen Gelegenheiten erklingen, so unter anderem 1994, bei der Eröffnung der liebevoll sanierten Brennerei Eickelberg an der Oberstraße 43. Keinen ganzen Monat später drangen die Sänger überraschend ins Amtshaus ein, wo Norbert Busche (Mitte) sein Zehnjähriges als Bezirksbürgermeister, vormals Bezirksvorsteher feierte. Das war ein großes Vergnügen für den Vollblutkommunalpolitiker: Er schnappte sich kurzerhand ein Notenblatt und sang mit. Schade für alle Jubiläen in der Jetztzeit. Ein solch begeisternder Auftritt wäre in der aktuellen Situation weder denk- noch durchführbar.

Text und Fotos: Eberhard Franken

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