Wattenscheider Kultkneipe

HistoWAT: Im Bierstall war der Wirt der Star

Wenn der Onkel des Autors dieser Zeilen mal wieder „verschütt“ gegangen war, mussten die Angehörigen seiner Kernfamilie nicht lange suchen. Bei „Töne“ an der Theke fanden Sie ihn. 

Anton Bomers´ Bierstall in der Altstadt war das, was man heute „Kultkneipe“ nennt. Den Begriff allerdings gab es im Jahre 1900, als der legendäre Anton Bomers, Großvater des letzten Inhabers, seine Gaststätte eröffnete, freilich noch nicht.

Los aber war hier immer was: Das Fachwerkhaus an der Hagenstraße war der Ort, an dem dem alltäglichen Wahnsinn der Welt ein anderer, spaßiger Wahnsinn entgegengesetzt wurde. 

Abgeschnittene Finger, kuriose Instrumente

Hier bezeichnete man sich auch gern mal als Mittelpunkt der Welt: Neben Bier und Speisen gab es irrsinnige und überdrehte Veranstaltungen, abgeschnittene Finger und viel zu lachen.

Grund dafür war meist der Gründer des über die Grenzen Wattenschieds bekannten Etablissements, Stallwirt Anton Bomers. Eine Kneipe gab es an dieser Stelle schon seit dem Jahr 1869 – gegründet hatte die der Vater Ferdinand. Anton Bomers aber baute den Laden aus, vergrößerte, gab dem Bierstall seine über Jahrzehnte gültige rustikale Form – und vor allem ein Flair, dass es so woanders nicht gab. 

Der Star war der Wirt. „Eine Marke für sich“ – so seine Eigenwerbung. 

Der „kürzeste Weg zum Standesamt“

Der Wattenscheider Heimathistoriker Andreas Halwer (http://www.wattenscheider-hbv.de/) schrieb im Jahr 2000 über den Stallwirt Anton Bomers: „„Wer im Bierstall nicht verkehrt, verkehrt verkehrt“ war allen Wattenscheidern und Zugereisten ein Begriff, den „kürzesten Weg zum Standesamt“ aus dem Hintereingang des Bierstalls zum Rathaus sollen zahlreiche Wattenscheider gewählt haben. Seine Gäste erschauderten, wenn er sich mit einem Trick selbst die Finger abschnitt. Berühmt-berüchtigt war auch seine Hausmusik mit improvisierten Instrumenten.“

Den Trick mit dem Finger verfolgten auch prominente Gäste, wie ein Foto im Wattenscheider Heimatmuseum Helfs Hof beweist: Das schaut der Bundeswirtschaftsminister und spätere Kanzler Ludwig Ehrhardt angsterfüllt auf das Messer auf der Hand des Anton Bomers. Der künstliche, blutige Finger aus Gummi, den der Stallwirt für seinen Trick nutzte, ist dort ebenfalls zu sehen. 

Abriss für Neugestaltung der Altstadt

Über sechzig Jahre lang lenkte Anton Bomers die Geschicke seines Bierstalls, 1961 starb er, 84-jährig. Die Söhne übernahmen und führten das Kultlokal noch Jahrzehnte weiter. Siehe oben, der Onkel.

 Am 13. Oktober 1996 war endgültig Schluss: An diesem Tag zapfte Enkel Töne Bomers das letzte Bier, der Bierstall wurde 1997 abgerissen und machte Platz für das Verwaltungsgebäude des Wattenscheider Architekten Edgar Leicher. 

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