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Interview mit dem Direktor des Talentwerks des VfL Bochum

Pablo Thiam: Ein Malocher und Menschenfreund

Sein Lebenslauf ist beeindruckend. In 311 Bundesliga-Spielen stand Pablo Thiam auf dem Platz. Nach dem Karriereende übernahm er beim VfL Wolfsburg die Aufgabe des Manager-Assistenten.

Seit einem Jahr ist der 52-jährige zweifache Familienvater des Talentwerks, dem Nachwuchsleistungszentrums des VfL Bochum. Im Interview mit Björn Pinno und Gerd Strohmann spricht der gebürtige Guineer über die reizvolle Aufgabe, junge Fußballer auszubilden und in den Profibereich zu führen.

Sie sind nach Ihrer aktiven Zeit gleich ins Management eingestiegen. War das immer so geplant?

Pablo Thiam: Es war eine sehr bewusste Entscheidung. Nach 16 Jahren als Profi hast du keine Lust mehr, permanent im Hotel zu sein und auf dem Trainingsplatz zu stehen. Natürlich wollte ich arbeiten, aber mehr im Hintergrund.

Sie haben beim VfL Wolfsburg angefangen. War Felix Magath etwas Ihr Ziehvater?

Pablo Thiam: Ja, zumindest hat er mir die Chance gegeben, den Übergang zu gestalten. Er kam immer gut klar mit mir, da war stets eine beiderseitige Wertschätzung. Es war nicht so einfach, vom Fußballfeld ins Büro zu wechseln. Manchmal war es richtig hart und ich wollte hinschmeißen. Meine Frau hat damals gesagt: Willkommen im täglichen Leben.

Was hat Sie und Felix Magath verbunden?

Pablo Thiam: Felix Magath hat Leute gebraucht, denen er vertrauen kann. Ich war bei ihm gesetzt, ich hatte die Tugenden, die der Trainer Felix Magath geschätzt hat. Ich war ein Arbeiter, ein Malocher auf dem Platz, ein Teamspieler. Außerdem konnte ich Menschen verbinden. Das passte zu seiner Philosophie. Er brauchte Jungs, die marschieren und nicht jammern.

Haben Sie diese Tugenden auch mit zum VfL Bochum genommen und hier eingebracht?

Pablo Thiam: Es sind Tugenden, die beim VfL Bochum sehr hochgehängt werden, auch bei der Profimannschaft. Das Malocher Image ist das Alleinstellungsmerkmal. 

Jetzt sagen aber manche, den Jugendlichen fehlt Disziplin, denen fehlt genau dieses Gen. Können Sie das feststellen?

Pablo Thiam: Ja, dass sich die Jugend verändert hat, das ist ganz klar. Es sind immer mehr Helikoptereltern. Etwas, was vielleicht gut gemeint ist, wird dann übertrieben. Ich finde, Kinder müssen geschützt werden. Kinder brauchen eine gute Umgebung und viel Aufmerksamkeit, damit sie sich entwickeln. Aber Kinder müssen auch Grenzen haben, Regeln kennen und Verantwortungsbewusstsein lernen. Heute sind häufig immer die anderen schuld. Aber das ist auch ein gesellschaftspolitisches Thema. 

Der Druck, den die Jungs heute haben, ist sicher größer als in der Vergangenheit. Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang ein guter Verein?

Pablo Thiam: Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass man als Verein für klare Werte steht. Bei uns wissen die Jungs: Es ist nicht alles vorhanden. Wir müssen mit den Mitteln, die wir haben, arbeiten. Es ist eine besondere Spielweise gefordert. Wir arbeiten Fußball, wir ackern, wir können aber auch Fußball spielen. Und das ist die sogenannte DNA, die dann irgendwann entsteht, die wir von Tag eins an versuchen zu vermitteln. Zu den zusätzlichen Themen, die wir ohnehin haben: Wir versuchen, familiär mit den Jungs umzugehen, die Jungs so lange wie möglich zu halten, ein gutes Umfeld zu schaffen. Die Jugendlichen brauchen Zuspruch, Erklärungen. 

Wenn jetzt der VfL Bochum zwischen Schalke und Dortmund sitzt, würden Sie sagen, das ist Segen oder Fluch oder beides?

Pablo Thiam: Das ist harter Konkurrenzkampf. Aber wenn ich die Erfolge der letzten Jahre sehe, und bei Erfolgen rede ich nicht nur von Titeln, dann wehren wir uns gut, wenn ich etwa den Weg von Cajetan Lenz sehe, der jetzt zur TSG Hoffenheim gewechselt ist. Im Vergleich mit den genannten großen Klubs präsentieren wir uns sehr gut und sind auf einem guten Weg. 

Taugt der Vergleich eigentlich mit den „großen“ Klubs?

Pablo Thiam: Der Vergleich mit den anderen Mannschaften ist gar nicht unser Ziel, sondern eher: Wie verhalten wir uns? Wie präsentieren wir uns? Wie schlagen wir uns? Welche Wege gehen wir in dem Konkurrenzkampf, damit wir weiterhin arbeiten können, so wie wir es jetzt tun. Und da ist der VfL gut aufgestellt.

Welche Nische kann der VfL Bochum bedienen?

Pablo Thiam: Ich glaube, dass die Region schon stolz ist und die Jungs auch stolz sind, beim VfL Bochum zu spielen. Ich habe sehr viele Spieler, die auch begehrt sind, sich trotzdem für uns entscheiden. Sie wissen, dass hier familiär gearbeitet wird. Im unteren Altersbereich bekommt jeder Spielzeit, denn hier geht es mehr um Entwicklung als um Ergebnisse. Das Thema Ergebnisse kommt in einem späteren Altersbereich. Der Fokus liegt auf der Ausbildung. Dann fühlen die Spieler sich wohl und sehen auch, dass wir mit der Konkurrenz mithalten können. Und das ist das, was den VfL Bochum gerade im Jugendbereich auch ausmacht.

Wie wichtig ist es gerade im Jugendbereich, eine entsprechende Infrastruktur zu haben, um erfolgreich zu sein?

Pablo Thiam: Inzwischen ist das essenziell. Das merkt man. Das erleichtert die Akquise von Spielern, erleichtert die Arbeit generell und zahlt sich am Ende irgendwann aus. Da haben wir ein bisschen Nachholbedarf, aber wir arbeiten daran.

Die Baustelle ist ja in vollem Gange. Wie war das erste Training auf dem neuen Platz?

Pablo Thiam: Das ist natürlich direkt ein anderes Gefühl für die Jungs. Die Plätze, die vorher dort waren, waren immer zurechtgemacht, aber das waren keine echten Fußballplätze. Bei hoher Belastung war der Rasen einfach schnell kaputt. Selbst als Zuschauer ist es auf der neuen Anlage eine schöne Sache. Also alle waren begeistert, und wir freuen uns auf die nächsten Schritte in die Richtung.

Auch ein neuer Bürokomplex kommt an das Trainingsgelände. Das heißt, sie selbst sind dann auch immer vor Ort. Wie wichtig sind kurze Wege?

Pablo Thiam: Ja, das wird ein wichtiger Schritt sein. Dadurch wird der Austausch noch intensiver. Ich bin mir sicher, dass das noch mal so einen Schub geben wird, wenn wir dort sind, wo die Jungs trainieren, ankommen, wegfahren. Man hat einen ganz anderen Zugriff aufeinander. Hinzu kommen Kabinen, Physio-, Reha-Bereich.

Wie sehr kümmern Sie sich um den schulischen Werdegang der Jugendlichen?

Pablo Thiam: Wir sind nicht für die Schulbetreuung verantwortlich. Aber wir haben schon eine pädagogische Abteilung, die nachschaut und mit den Trainern zusammenarbeitet. Und wir bieten auch Nachhilfe an, wenn es Schwierigkeiten gibt. Eine gute Bildung ist immer auch das „A und O“.

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