Warum der VfL
effizienter werden muss
„Ein Stresstest für den gesamten Verein“
Der VfL Bochum steht vor großen Herausforderungen – sportlich, strukturell und wirtschaftlich. Veränderte Rahmenbedingungen, eine neue Realität im Profifußball und nicht zuletzt die Modernisierung des Stadions zwingen den Klub zu neuen Antworten.
Geschäftsführer Ilja Kaenzig ordnet die Situation im Gespräch mit Björn Pinno und Dietmar Nolte ein und wirft einen Blick auf Strategien, Personal und Ziele des VfL.
Ilja Kaenzig, wie groß ist Ihre Sehnsucht nach Kontinuität auf der Trainerbank? Seit Thomas Reis hat kein Coach mehr eine Saison beendet, der sie auch begonnen hat.
Ilja Kaenzig: Natürlich ist das ein Ziel jedes Klubs. Gleichzeitig ist der Fußball extrem schnelllebig geworden. Entscheidungen entstehen oft weniger intern als durch äußeren Druck – durch Öffentlichkeit, Erwartungen und Dynamik im Umfeld. Im Ruhrgebiet ist das besonders ausgeprägt. Wir verschwenden keinen Gedanken daran, den Trainer zu wechseln. Trotzdem planen mittlerweile viele Vereine solche Szenarien ein, weil die durchschnittliche Amtszeit eines Trainers nur noch bei etwa einem Jahr liegt. Das ist Realität im modernen Profifußball.
Warum passt Uwe Rösler aktuell so gut zum VfL?
Im Fußball spielt Timing eine entscheidende Rolle. Uwe ist der richtige Mann zur richtigen Zeit. Er bringt genau die Mischung aus Erfahrung und Energie mit, die wir jetzt brauchen. Man spürt seine Präsenz täglich. Er steht für einen Stil, der zu unserer Identität passt. Wir brauchen wieder mehr Klarheit, mehr Struktur und weniger Komplexität. In den vergangenen Jahren sind wir davon teilweise abgekommen. Fußball wird nicht besser, wenn er komplizierter wird. Die eigentliche Kunst liegt in der Vereinfachung.

Das betrifft auch den Kader?
Wir haben grundsätzlich die Entscheidung getroffen, weniger auf Leihspieler zu setzen. Wir wollen eine Mannschaft formen, die eine gemeinsame Mission hat. Weniger Leihspieler, mehr Identität im Kader. Und es macht mehr Sinn, nur mit 20 oder 21 Profis zu arbeiten und dahinter gezielt junge Spieler heranzuführen.
Wie wichtig ist Mentalität beim Umbau des Kaders?
Es geht nicht um Mentalität oder Talent allein. Es geht um Teamgeist. Wir hatten in der Vergangenheit viele gute Fußballer, aber es waren nicht immer die richtigen Transfers für den VfL. Wer in der 2. Bundesliga oben dabei sein will, muss im Schnitt jedes zweite Spiel gewinnen. Dafür brauchst du Spieler, die nicht nur individuell stark sind, sondern in ein gemeinsames Bild passen. Deshalb setzen wir stärker auf Spieler, die in einer ähnlichen Karrierephase stehen und den VfL bewusst als richtigen Schritt sehen.
Der VfL hat seine Sportstruktur ohne klassischen Sportdirektor neu aufgestellt. Wie gut funktioniert das in der Praxis?
Sehr gut, weil viele Kompetenzen gebündelt wurden und jeder seine Expertise einbringt. Der große Vorteil ist die Intensität der Zusammenarbeit, die Abstimmung ist sehr eng. Der Austausch vieler Perspektiven verhindert Fehler. Die Herausforderung liegt darin, Verantwortlichkeiten noch klarer zu definieren, nicht in der Geschwindigkeit. Auch das datenbasierte Scouting hilft uns, effizienter zu arbeiten und schneller zu reagieren. Wir sind so in der Lage, bereits früh in die nächste Saison hineinzudenken. Daten ersetzen keine Entscheidungen, aber sie verbessern sie.
Der Lizenzetat lag bei rund 22 Millionen Euro – bleibt dieses Niveau stabil?
Durch sinkende Fernsehgelder und die wirtschaftlichen Folgen der Stadionmodernisierung wird das nicht möglich sein. Wir bleiben aber im oberen Drittel der Liga. Der Lizenzetat ist aber auch nicht mehr die entscheidende Größe. Wichtiger ist die Effizienz im Umgang mit verfügbaren Mitteln. Die 2. Bundesliga zeigt jedes Jahr aufs Neue, dass der Etat allein nichts garantiert. Man kann mit wenig Geld aufsteigen – und mit viel Geld scheitern.
Verzerrt ein Absteiger wie Wolfsburg mit 50 Millionen Euro Etat den Wettbewerb?
Natürlich verändern solche Klubs die Rahmenbedingungen, weil sie den Markt beeinflussen. Gehälter und Ablösesummen steigen, gleichzeitig sinkt für andere Vereine der Anteil am TV-Geld. Das Problem ist aber nicht der einzelne Klub, sondern die strukturelle Entwicklung. Die Gehälter haben sich in der 2. Bundesliga nahezu verdoppelt, die Einnahmen nicht.

Braucht der VfL eine konsequentere wirtschaftliche Ausrichtung?
Wir müssen ehrlich sein: Transfererlöse sind keine Option mehr, sondern Pflicht. Viele Vereine unserer Liga arbeiten längst so. Wenn wir dauerhaft wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir Spieler entwickeln, ihren Marktwert steigern und im richtigen Moment verkaufen. Das ist die Realität des Marktes.
Welche Rolle spielt vor diesem Hintergrund künftig der Nachwuchs?
Eine zentrale Rolle! Die Ausbildung im Talentwerk ist gut, aber zwischen Nachwuchs und Profis entsteht oft eine Lücke. Genau dort verlieren wir Potenzial. Spieler fallen in einen Bereich, in dem sich niemand mehr verantwortlich fühlt. Der Übergangsbereich ist die entscheidende Baustelle.
Talente ausbilden und gewinnbringend verkaufen – verliert der Fußball immer mehr seine Romantik?
Ein Stück weit ja. Der Markt ist hochprofessionalisiert, Transfers werden durchgeplant, Berater arbeiten mit klaren Zielvorgaben, Vereine mit komplexen Businessplänen. Das hat mit der romantischen Vorstellung von früher nur noch wenig zu tun. Der Fußball ist längst ein industrielles System. Trotzdem müssen wir darauf achten, dass die Identität des Spiels nicht verloren geht.
Was bedeutet diese Entwicklung für den VfL als Traditionsverein?
Wir können sie nicht aufhalten. Der Fußball wird sich weiter verändern – die Frage ist nur, ob man ihn aktiv mitgestaltet oder nur hinterherläuft. Entscheidend ist, dass wir unsere Identität behalten und gleichzeitig wettbewerbsfähig bleiben. Darin liegt die große Aufgabe für die kommenden Jahre.
Bis 2029 läuft beim VfL die Stadionmodernisierung. Andi Luthe hat von einer Übergangsphase gesprochen.
Die Erwartungshaltung im Fußball bleibt hoch. Wenn wir sagen, wir werden jetzt drei Jahre lang Zehnter, würde das weder akzeptiert noch wirtschaftlich funktionieren. Aber wir schöpfen eben nicht aus den Vollen. Kommerziell muss man von einer Übergangsphase sprechen. Während der Modernisierung stehen uns weniger Plätze, weniger Komfort und damit geringere Vermarktungsmöglichkeiten zur Verfügung. Es gibt weniger Karten, Zuschauer müssen ihre Plätze wechseln. Das wird zwangsläufig Unzufriedenheit erzeugen. Gerade deshalb müssen wir als Verein noch enger zusammenrücken. Die nächsten drei Jahre werden ein Stresstest für den gesamten Verein.
Welches Saisonziel ist angesichts aller Umstände realistisch?
Uwe Rösler hat einen Satz geprägt, den ich sehr passend finde: „Wir wollen eine Mannschaft sein, die ganz schwer zu schlagen ist.“ Diese Aussage verbindet Ambition mit Demut. Genau das sollte den VfL in dieser Saison auszeichnen.

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