Rudelbildung verboten

Hundeschulen: Vierbeinige Schüler müssen zu Hause bleiben

„Was bin ich?“ fragte einst Robert Lemke – die Älteren werden es noch kennen, es war die „Mutter aller Quizshows“, in der ein Rateteam Berufe aufdecken musste. Was bin ich? fragt sich seit einigen Monaten auch Stephanie Giebel.

Hundeschulen mussten im Lockdown schließen

Das „heitere Beruferaten“ gerät hier allerdings zur Posse. Bislang dachte sie, sie sei eine Hundetrainerin und würde mit ihrer Hundeschule als Dienstleisterin geführt. Klarer Fall von denkste, denn Corona und die getroffenen Maßnahmen treiben mitunter ungeahnte Blüten. Ihre Tätigkeit wurde ihr in den letzten Monaten mit unterschiedlichen Begründungen untersagt, was ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen vor allem das Gefühl vermittelt, von Politik und Verwaltung nicht wirklich ernst genommen zu werden.

Im ersten Lockdown vor über einem Jahr mussten Hundeschulen mehr als zwei Monate schließen, weil sie den „Sport- und Freizeiteinrichtungen“ zugeordnet wurden. Seit November letzten Jahres werden sie dagegen als „außerschulische Bildungseinrichtung“ eingestuft. Mit dem gleichen Ergebnis: Eine komplette Öffnung ist nicht erlaubt. „Dabei gehören wir laut IHK einem Wirtschaftszweig an, der eindeutig im Bereich Dienstleistung geführt wird“, so Stephanie Giebel. Schließlich üben professionelle Hundetrainer ihre Tätigkeit nicht als Hobby oder Freizeitbeschäftigung, sondern als Kleinstunternehmen mit einem angemeldeten Gewerbe aus. Auf Nachfrage bei der IHK, dass sie als Bildungseinrichtung ja dann wohl auch keine Gewerbesteuer mehr zahlen müsste, kam als Antwort: „Das gilt ja nur für den Moment.“

„Wirklich nachvollziehbar ist das alles schon längst nicht mehr“, so Giebel, die vor knapp vier Jahren auf dem alten Sportplatz am Ümminger See ihre Hundeschule PottDogs eröffnete, sich allerdings seit Monaten mehr am Schreibtisch mit deutscher Bürokratie als auf dem Platz mit den Vierbeinern beschäftigt. Was sie dabei so wütend macht und sie mitunter verzweifeln lässt, ist das „Herumgeeiere“ der Politik und das Fehlen einer klaren Linie. „Ich sehe ja ein, dass das gerade sehr schwierig ist. Aber ich könnte besser mit einem harten und konsequenten Lockdown leben, als mit diesem ständigen Hin und Her. Ich weiß nicht, wie oft ich mittlerweile Termine vergeben habe, die ich aufgrund neuer Bestimmungen kurzfristig wieder absagen musste. Diese fehlende Planungssicherheit macht einfach mürbe und perspektivlos!“

Hundeschulen arbeiten von jeher Corona-konform

Dabei erschließt sich für Stephanie Giebel die Schließung von Hundeschulen ohnehin nicht. Einzeltraining ist momentan zwar erlaubt, doch das hilft Hund wie Mensch nur in geringem Maße. „80 Prozent unseres Trainings erfolgt in Gruppen. Und Hundeschulen arbeiten eigentlich von jeher schon Corona-konform. Mein Platz hat eine Größe von 9.000 Quadratmetern, auf dem sich nie mehr als 15 Menschen aufhalten. Wir bewegen uns im Freien, stets mit dem nötigen Abstand und die Gruppengrößen bewegen sich zwischen vier und sechs Teilnehmern. Die Gefahr, sich hier zu infizieren, ist verschwindend gering.“ Dafür sieht Stephanie Giebel eine andere Gefahr: die der unerzogenen, weil nicht sozialisierten Hunde, die aktuell herangezogen werden. „Die Zahl der Hundebesitzer ist gerade während des Coronajahres enorm angestiegen und mit ihnen die Zahl der Beißunfälle. Diese Hunde allein durch Einzelstunden, per Webinare oder durch Videos zu erziehen, reicht nicht aus. Und sozialisieren kann man sie weder online noch im Einzeltraining, da braucht es die Gruppe. Ich habe regelmäßig verzweifelte Hundebesitzer am Telefon, die unbedingt zum Welpen- oder Gruppentraining wollen und muss sie alle abweisen und vertrösten.“

Wie es genau weitergeht, weiß die Hundetrainerin momentan noch nicht. Eines weiß sie aber ziemlich genau: „Angesichts der nicht vorhandenen Führungsqualitäten sollte keiner von diesen Entscheidern da oben jemals in seinem Leben einen Hund besitzen, die sind allesamt nicht in der Lage, einen Hund zwei Tage durchs Leben zu führen – selbst ein Goldfisch wäre schon eine Nummer zu groß. Man braucht einfach klare Strukturen und einen klaren Fahrplan, und den haben sie alle nicht.“

Bericht von Andrea Schröder

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