Anne Bude: Trinkhalle ist Ankerpunkt des Viertels

Bei Karin Erkal trinken auch Hochzeitspaare mal ein Bierchen

Das ist die wahrscheinlich am längsten bestehende Bude in Wattenscheid: die Trinkhalle von Karin Erkal.

„Wir haben kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet, das weiß ich noch“, sagt die 68-jährige gebürtige Wattenscheiderin. 

Allerdings sprechen wir nicht von 1990 oder 2002, 1982 oder gar 2014. Es geht zurück ins Jahr 1974. Seit jetzt insgesamt 47 Jahren also betreibt Karin Erkal ihre Trinkhalle am Beisenkamp, Ecke Stadtgartenring.  

Innerhalb einer Woche kam Karin Erkal zu ihrer Bude

Das Geschäft fiel ihr und ihrem Mann förmlich vor die Füße: „Wir waren frisch verheiratet, hatten eine Wohnung am Beisenkamp gefunden, mein Mann wollte Sonntags einen Tee trinken, wir hatten aber keinen Zucker mehr. Also bin ich hier zur Trinkhalle gegangen. Der Besitzer, ein Herr Maslo (übrigens auch ein berühmter Wattenscheider Name, der Sohn war Fußballprofi und später Bundesligatrainer bei Schalke, Dortmund, Düsseldorf, Braunschweig und St. Pauli, Anmerkung d. Redaktion), sagte, dass er keinen Zucker mehr hätte, er würde ja sowieso schließen. Als ich das meinem Mann erzählte, hat er sofort gefragt, ob er schon einen Nachpächter habe. Hatte er nicht. Und so hatten wir innerhalb von einer Woche eine Trinkhalle“, erzählt Karin Erkal, die eigentlich ausgebildete Arzthelferin ist.

Sechs Tage die Woche geöffnet

Und dabei blieb´s, jeden Tag in der Woche, nur Dienstags ist zu.  

Die Trinkhalle ist das, was man heute einen „Ankerpunkt“ im Viertel nennt. Die Nachbarschaft, Spaziergänger oder Radfahrer, die den nahen Stadtgarten besuchen. Karin Erkal, den Namen kennt eigentlich jeder hier. 

„Früher, als die Öffnungszeiten der Geschäfte und Supermärkte noch nicht so waren wie heute, kamen die Berufstätigen vor der Schicht“, sagt Erkal an einem sonnigen Sonntagmittag, „heute haben alle Autos, die Jungen wollen mit der Karte zahlen, die Leute lesen viel weniger. Früher hatte ich zwei Riesenstapel Bild am Sonntag, die ich verkauft habe.“ Heute liegen auf einem kleinen Stapel fünf Exemplare. Aber klagen, sagt sie, könne sie nicht. Und die gemischte Tüte gehe immer noch hervorragend. „Letztens habe ich mich erschreckt, da stiegen zwei Polizisten aus, mit Schutzwesten. Aber die wollten nur eine gemischte Tüte. Für sieben Euro“, schmunzelt die Wattenscheiderin, „die haben sich so gefreut.“

Das gilt auch für zwei Brautpaare, die ihre Hochzeitsbilder vor ihrer Bude schießen ließen. Stilecht mit einer Pulle Bier am Mund. Die Fotos hat Karin Erkal aufbewahrt. Gelebte Trinkhallen-Geschichte eben. 

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