„Ich habe Existenzängste“
Qualifiziert und arbeitslos
Seit sie vor einem Jahr arbeitslos wurde, hat Katrin L. (*) aus Bochum-Grumme bereits mehr als 150 Bewerbungen geschrieben. „Ich habe langsam Existenzängste“, sagt die 33-Jährige mit besorgter Stimme.
Täglich sucht sie in Stellenbörsen nach einem Job im Marketing, der Öffentlichkeitsarbeit oder der Unternehmenskommunikation. Doch bisher wurde die Akademikerin, die an der Ruhr-Universität erfolgreich einen Master-Abschluss in den Geisteswissenschaften (Russische Kultur) erworben hat, nur zu fünf Vorstellungsgesprächen eingeladen. Ein Jobangebot blieb aus. „Ich weiß nicht, was ich noch machen soll. Mehr als mich ständig zu bewerben, kann ich nicht tun“, öffnet sie sich gegenüber dieser Redaktion. Ebenso nehmen die finanziellen Sorgen zu. „Langsam wird das Geld knapp, und die Preise steigen.“
Katrin ist kein Einzelfall, wie Anja Greiter von der Pressestelle der Bundesagentur für Arbeit in Bochum weiß. In den vergangenen Jahren ist die Arbeitslosigkeit von Personen mit einer akademischen Ausbildung überproportional gestiegen: von 2022 bis 2025 deutschlandweit um rund 60 Prozent – allerdings ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau. „Ursachen dafür sehen wir vor allem in der herausfordernden wirtschaftlichen Lage und den Umwälzungen durch die digitale und ökologische Transformation“, erklärt Greiter.
Momentan schreiben Unternehmen weniger Stellen für Akademiker aus, die somit auch länger nach einem neuen Job suchen müssen. „Dennoch finden Akademikerinnen und Akademiker immer noch schneller eine Arbeitsstelle als formal nicht qualifizierte Personen“, betont die Arbeitsmarkt-Expertin.
Hoffnung auf Konjunkturbelegung
Auch gibt es große Unterschiede zwischen den Fachrichtungen. Während die Arbeitslosenquote in der Verwaltung, dem Lehramt und im Sozialwesen am niedrigsten ist, steigt sie in den natur- sowie geisteswissenschaftlichen Berufen, aber auch in der Mediengestaltung und im Marketing sprunghaft an. Eine spürbare Entspannung auf dem Arbeitsmarkt erwartet man im letzten Drittel dieses Jahres, wenn die Fiskalpakete der Bundesregierung (das Konjunktur- und Investitionsprogramm aus dem Sondervermögen, das im März beschlossen wurde) ihre Wirkung entfalten und die Konjunktur belebt wird.

„Dennoch ist und bleibt die größere Herausforderung die demografische Entwicklung und der damit einhergehende Fachkräftemangel“, hebt Greiter hervor. Trotz der gestiegenen Arbeitslosenzahl werden junge Nachwuchskräfte dringend gebraucht. Und sie macht Hoffnung: „Auch in Zeiten wirtschaftlicher Schwäche ist der Markt aufnahmefähig.“
Text: Martin Lindner
Arbeitslosigkeit in Bochum
Die Arbeitslosigkeit in Bochum verzeichnete 2025 das dritte Anstiegsjahr in Folge und kletterte von 8,6 im Jahr 2022 auf 9,1 Prozent. Parallel dazu hat sich die Dynamik am Stellenmarkt abgeschwächt: Die Zahl der neu gemeldeten Stellen sank im Vergleich zum Vorjahr um 8 Prozent. Ein Blick auf die langfristige Entwicklung verdeutlicht die Schwächephase besonders drastisch: Wurden 2017 noch rund 14.000 neue Stellen in Bochum gemeldet, so hat sich dieser Wert bis 2025 mehr als halbiert. M.L.
(*) Name von der Redaktion geändert
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