In Schatten wohnen

Emine Sevgi Özdamars Roman „Ein von Schatten begrenzter Raum“

„Wenn man von seinem eigenen Land einmal weggegangen ist, dann kommt man in keinem neuen Land mehr an“, heißt es in Emine Sevgi Özdamars opulentem Erzählwerk.

Hier wird von der Suche nach Heimat, von Annäherungen an den fremden Lebenskreis, den damit verbundenen Schwierigkeiten und von Sehnsüchten und Enttäuschungen erzählt. 

Die im türkischen Malatya geborene Autorin holt hier weit aus, berichtet von ihren Erfahrungen, als sie in den 1960er Jahren erstmals nach West-Berlin kam, mit einem befristeten Arbeitsvertrag eines Elektrokonzerns in der Tasche. Später etabliert sie sich – dank Fürsprache ihres Mentors Benno Besson – als Schauspielerin an verschiedenen deutschen und französischen Bühnen.

Zwischen Euphorie und Melancholie

Özdamars Tonfall schwankt zwischen Euphorie und Melancholie. Oft hat sie aus ihrer Wut über erlittene Demütigungen im Alltag neue Energie gewonnen – ganz nach dem Motto: Jetzt erst recht. Sie hat sich in ihrem neuen Buch bewusst an Stereotypen abgearbeitet – das Bild von der ungebildeten türkischen Putzfrau schwebt wie ein Leitmotiv, das hier zum Leidmotiv mutiert, über dem Erzählkosmos. 

Bochum als Gegenpol zu den großen Metropolen

Sie plaudert in ihrem anekdotenreichen Text über eine spontane Idee, als sie bei den Proben zu Thomas Braschs „Lieber Georg“ am Bochumer Schauspielhaus als schwangere Putzfrau mit Eimer auf die Bühne kam. Regisseur Matthias Langhoff war davon so begeistert, dass er Özdamars Improvisation in seine Inszenierung integrierte. Bochum war in Özdamars bewegter Vita eine Art Gegenpol zu den großen Metropolen Istanbul, Berlin und Paris, die ihr Leben prägten.

Suche nach geografischer Heimat

Die Suche nach der geografischen Heimat ist bei Özdamar ungleich schwieriger als die Suche nach ihrer geistigen Heimat. In der Kunst, auf der Theaterbühne und später in ihren Büchern hat Emine Sevgi Özdamar sich ihre Lebensnische eingerichtet, stets neue Herausforderungen suchend. Über ihre Zeit mit Benno Besson in Paris bleiben bei der Lektüre vor allem ihre imaginierten Zwiegespräche mit Edith Piaf und Bert Brecht im Gedächtnis. 

Authentisch und völlig unpathetisch

Dieser umfangreiche Band liest sich trotz einiger durchaus verzeihlicher erzählerischer Längen absolut authentisch und völlig unpathetisch. Das ist anspruchsvoller Künstlerroman, ehrliche Autobiografie, bewegende Migrationsgeschichte und künstlerische Anleitung zur Verständigung in einem – komprimiert zwischen zwei Buchdeckeln. Und irgendwo in diesem opulenten Erzählmonstrum hat uns Emine Sevgi Özdamar dann doch verraten, wo sie heimisch ist: „Ich wohne in den Schatten, die sich mit Leben erfüllen.“

Emine Sevgi Özdamar: Ein von Schatten begrenzter Raum. Suhrkamp Verlag, 757 Seiten, 28 Euro

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