100 Tage Bochum
Interview mit Oberbürgermeister Jörg Lukat
18 Kilometer fährt Jörg Lukat (63) von seinem Zuhause in Herten ins Bochumer Rathaus. Der Sohn einer Bergarbeiterfamilie ist der neue Bochumer Oberbürgermeister.
In seinem ersten Arbeitsleben bei der Polizei hat er sich vom Streifenpolizisten bis zum Polizeipräsidenten hochmalocht. In seiner Freizeit spielt er auch gerne mal die Gitarre oder macht Urlaub an der Nordsee. Nun ist der Vater von zwei erwachsenen Kindern seit rund 100 Tagen Boss in Bochum. hallobo.life Herausgeber Björn Pinno hat ihn getroffen:
hallobo.life: Was lernt man so in dieser „Praktikantenphase“ denn als Oberbürgermeister?
Jörg Lukat: Praktikantenphase ist schon mal ein guter Begriff. Auf jeden Fall gibt es jeden Tag etwas Neues, in einer Facettenhaftigkeit, die ich mir nur ansatzweise so vorgestellt habe.
hallobo.life: Sie haben bei der Polizei als einfacher Schutzmann angefangen. Ist der Lernprozess vergleichbar?
Jörg Lukat: Damals in der Ausbildung habe ich z. B. im „Schonraum“ gelernt, wie man Unfälle aufnimmt … und dann kam der Praxisschock. Als OB hat man diesen lernenden Schonraum nicht, sondern mit Übergabe der Urkunde ist man sofort voll verantwortlich für diese Stadt.
Wie Behörden ticken
hallobo.life: Sie haben sich hochgearbeitet bis zum Polizeipräsidenten. Bei der Stadt Bochum steigen sie gleich ganz oben ein. Ist das schwieriger?
Jörg Lukat: Also ich hoffe nicht, dass das eine der Aufstieg war und jetzt fängt man oben an und dann kommt der Abstieg (lacht). Natürlich waren meine Zeiten im Innenministerium sowie die vielen Führungsaufgaben, unter anderem als Bochumer Polizeipräsident, hilfreich. Ich habe also einen Eindruck davon, wie Behörden ticken.
hallobo.life: Was ist bei der Stadt Bochum anders als bei der Polizei?
Jörg Lukat: Als Polizeipräsident konnte man eher sagen: „Wir haben jetzt echt gut geredet. Ihr habt auch tolle Ideen unterbreitet. Am Ende machen wir das aber doch so, wie ich das gerne möchte.“ Als Polizeipräsident gibt es mehr Durchgriffsmöglichkeiten. Das ist beim Oberbürgermeister nicht so, und das ist auch richtig so. Kommunalpolitik kennt diese Hierarchie nicht, sondern es müssen im gemeinsamen Austausch Mehrheiten gefunden werden.
hallobo.life: Sie sind seit dem Zweiten Weltkrieg der erste Bochumer Oberbürgermeister ohne eigene Mehrheit im Stadtrat. Sie müssen also auch andere von Ihren Ideen überzeugen. Wie schwierig ist das?
Jörg Lukat: Es geht darum, im Gespräch zu bleiben und die bestmöglichen Lösungen zu finden. Das muss man ausloten. Ohne eigene Mehrheit ist es ein viel intensiveres Kommunizieren. Das gerade macht Demokratie aber aus, allerdings auch intensiver und schwieriger.
Persönlich präsent sein
hallobo.life: Bei so viel Abstimmungsarbeit, allein schon im Rathaus, wie viel Zeit bleibt da mit den Bochumerinnen und Bochumern direkt zu reden?
Jörg Lukat: Die Zeit nehme ich mir. Das ist mir wichtig. Ich möchte auch in den Stadtteilen präsent sein. Ich bin schon viel unterwegs gewesen. Die Eindrücke, die ich dabei bekommen habe, finde ich außerordentlich beachtlich. Ich habe zum Beispiel bei der Suppenküche Mahlzeiten ausgegeben. Das war nicht nur die Essensausgabe, sondern ich habe mich an die Tische gesetzt. So komme ich mit den Menschen ins Gespräch. Ich bin an verschiedenen Stellen unterwegs. Kältebus, Hospizdienst, Seniorenzentren und, und, und. Inzwischen habe ich schon rund 550 Termine wahrgenommen. Und es gibt noch viele andere Themen. Die kommen jetzt noch. Gönnt mir noch mal ein paar hundert Tage mehr.
hallobo.life: Als Hertener Bürger sind Sie quasi Gast in der eigenen Stadt. Wissen Sie schon, wie Bochumerinnen und Bochumer ticken?
Jörg Lukat: Ich war hier fünf Jahre Polizeipräsident. Da habe ich vielleicht mehr Leute kennengelernt, die ins Raster polizeilicher Tätigkeiten fallen. Das, was ich mitbekomme, ist wirklich dieses unheimliche ehrenamtliche Engagement. 180.000 Menschen in Bochum sind im Ehrenamt unterwegs. Das motiviert mich, denn die Arbeitstage sind wirklich lang, inklusive der Wochenenden. Aber die Energie dafür bekomme ich unter anderem durch solche Begegnungen. Die geben echt Kraft und machen einfach nur Spaß, weil sich hier Menschen gerne einbringen möchten. Das ist etwas, was Bochum auszeichnet.
Demokratie fängt in der Kommune an
hallobo.life: Um so ein Programm durchzuhalten, muss man sich mit 63 Jahren fit halten. Wie machen Sie das?
Jörg Lukat: Ich versuche immer, morgens meine Walking-Runde zu gehen. Auch mal um sechs Uhr, mit der Stirnlampe. Diese fünf Kilometer versuche ich zügig durchzuziehen. Ein bisschen Gymnastik gehört auch mit dazu. Aber manchmal gibt es auch Tage, an denen man dann sagt: Du musst es auch mal schaffen, sieben, acht Stunden Schlaf hinzubekommen.
hallobo.life: Schlafen kann manchmal wirklich helfen. Schon bedauert, nicht in den Ruhestand gegangen zu sein?
Jörg Lukat: Nein, ich stelle das nicht infrage. Es macht Spaß. Man kann etwas gestalten. Ich möchte mich mit meinem Fachwissen und meiner Erfahrung einbringen. Wir sind in einem tollen Staat unterwegs, diese rechtlichen Grundlagen, die wir haben, die freiheitlich-demokratische Grundordnung und, und, und. Das ist etwas, wo ich gerne mithelfen möchte, Demokratie zu stärken. Demokratie fängt hier in der Kommune an.
hallobo.life: Was macht Bochum im Ruhrgebiet besonders:
Jörg Lukat: Hier hat man eine Vision davon: Wo will ich landen? Und diese Vision, die Bochum-Strategie, ist hinterlegt mit Kennzahlen. Und ich glaube, das ist der richtige Weg. Nicht mit großen Überschriften, sondern mit Nachhaltigkeit. Und absolut notwendig: die Menschen ebenfalls in diesem Prozess mitzunehmen. Das zeichnet Bochum aus.
hallobo.life: Gab es in den ersten 100 Tagen als Oberbürgermeister auch mal Zeit abzuschalten und zum Beispiel zur Gitarre zu greifen?
Jörg Lukat: Viel, viel zu selten. Genauso wie mein Motorrad nur dasteht. Ich habe momentan nicht die Möglichkeit. Ich fahre eine über zwanzig Jahre alte BMW. Damit kann ich schön cruisen, aber die Zeit fehlt im Moment. Aber so ist das. Ich habe mich der Aufgabe, Oberbürgermeister zu sein, aus tiefer Überzeugung verschrieben. Andere Dinge stehen dann zurzeit nicht im Fokus. Aber das Motorrad ist betriebsbereit. Ich müsste nur das Garagentor öffnen und dann könnte ich eine Ausfahrt machen.
hallobo.life: Dann vielleicht einfach mal damit, die 18 Kilometer zur Arbeit nach Bochum fahren.
Jörg Lukat: Das ist schwierig, weil die Krawatte dann flatternd im Weg ist.

Das ist Jörg Lukat
- geboren 1962 in Polsum bei Marl
- lebt mit seiner Ehefrau in Herten
- hat zwei erwachsene Kinder
- spielt Gitarre und fährt Motorrad
- war 1979 Streifenpolizist und von 2019-2024 Polizeipräsident in Bochum
- jetzt erreichbar unter Oberbuergermeister@bochum.de
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