Interview mit Peter Neururer
„Wenn es richtig eng wird, hält man zusammen!“
Schafft der VfL Bochum den Weg aus dem Tabellenkeller? Im Interview mit Dietmar Nolte für hallobo spricht Peter Neururer Klartext. Der Ex-Trainer, der den VfL tief in seinem Herzen trägt, scheut wie immer keine klaren Worte.
Peter Neururer, wie viele Sorgen machen Sie sich in dieser Saison um Ihren VfL?
Ganz gewaltige Sorgen! Mein VfL ist es ja leider nicht. Wenn es meiner wäre, wären einige Sachen auch in der Vergangenheit anders gelaufen. Wenn ich sehe, was da in der Entwicklung passiert ist – das ist abenteuerlich.
Was kritisieren Sie?
Man muss ein bisschen ausholen. Der VfL steht in der Relegation gegen Düsseldorf, ist quasi schon abgestiegen, bleibt aber erstklassig. Was dann passierte, ist der Wahnsinn. In der Situation gebe ich sechs, sieben Stammspieler ab. Und dann mache ich Verpflichtungen, bei denen jeder Fachmann mit dem Kopf geschüttelt hat. Das zeigt, dass diejenigen, die in der Verantwortung waren, zum einen die Sachlage nicht kannten und zum anderen sehenden Auges in das gerannt sind, wo man sich jetzt befindet. Und damit meine ich nicht die Trainer.
Also kein Vorwurf an Dieter Hecking?
Dieter hat die letzten Geister, die da waren, nochmal auferweckt. Ihn auch nach dem Abstieg als Trainer zu halten, war die richtige Maßnahme. Ob es aber richtig war, einen Herrn Dufner zu verpflichten? Dazu habe ich auf Anfrage mehreren Leuten gesagt, dass ich ihn nicht für den richtigen Mann halte.
Ist Dufner der Hauptschuldige?
Es war absehbar, dass das Zusammenwirken aller zum fußballerischen Desaster führen könnte. Wir haben plötzlich bis auf Ilja Kaenzig keinen einzigen Profi mehr in der Vereinsführung. Kaenzig hat tadellose Kenntnisse von seinem Geschäft, hat ein sagenhaftes Netzwerk und ein tolles Auftreten. Aber wo ist der Sportdirektor, der Dinge mit dem Trainer bespricht? Und bei diesem Kader war klar, dass er niemals oben mitspielen kann. Wenn alles normal läuft, lande ich mit der Truppe zwischen Platz acht und zwölf. Aber in dieser 2. Liga kannst du auch ganz schnell abrutschen.
Wie beurteilen Sie die Trainerwechsel in dieser Saison?
Ich starte schlecht mit Dieter Hecking, beurlaube ihn dann zum komplett falschen Zeitpunkt. Dass der Sportdirektor richtigerweise mitgehen muss, ist überhaupt keine Frage. Der hat es verursacht. Aber vom Zeitpunkt der Hecking-Entlassung ausgehend, habe ich gedacht, jetzt bricht alles zusammen. Ich hole ein Trainertalent bis zur Länderspielpause. Da hätte man sich gleich überlegen sollen: Was passiert denn, wenn ich mit dem alle drei Spiele verliere? Wie soll ich dann noch einen kompetenten Trainer finden, der überzeugt ist, mit dieser Mannschaft und in dieser Tabellensituation die Klasse zu halten? Das ist abenteuerlich!
Trauen Sie Uwe Rösler den Job nicht zu?
Ich hoffe, dass er die Mannschaft wieder nach oben führt. Aber der VfL Bochum braucht keinen international erfahrenen Mann, wie es Andi Luthe betont hat, sondern vor allem jemanden, der Erfahrung hat in der Liga, in der Bochum sich befindet, und geografisch in dem Raum, in dem wir uns bewegen. Die Erklärungen von Luthe zu dieser Entscheidung waren abenteuerlich. Trotzdem drücke ich Uwe jetzt natürlich die Daumen.
Die Rolle von Andi Luthe als Vorstandsvorsitzenden sehen Sie offenbar sehr kritisch?
In der Zeit, in der er gefragt war, habe ich Andi nicht gesehen. Er ist ein toller Kerl, er war mein Kapitän, ein intelligenter Junge, die menschliche Qualität ist hervorragend – aber nicht, was die Führung eines Vereins wie den VfL Bochum betrifft. Leider ist er nicht vor Ort, auch wenn er sagt, er wohne zwar in Augsburg, sei aber meistens im Ruhrgebiet. Und leider hat er keine Erfahrung.
Hat Andi Luthe Sie mal um Ihre Meinung gebeten?
Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt hat er das getan. Aber seit er sich einer Gruppe angeschlossen hat, die nichts mit Prof. Bauer und anderen Bekannten von mir zu tun hat, habe ich kein Wort mehr von ihm gehört. Ich habe den Kontakt gesucht. Das Letzte, was ich ihm aufs Band gesprochen habe: Andi, es geht nicht um mich, es geht um den VfL, ich habe ein paar Lösungsmöglichkeiten für euch. Es gab keine Rückmeldung.
Würden Sie sich noch einmal einbinden lassen beim VfL?
Als Trainer auf keinen Fall, das ist für mich abgeschlossen. Als Sportdirektor oder in ähnlicher Funktion vielleicht – also in einer Verantwortung. Das ist doch oft das große Problem. Alle machen was, aber keiner hat die Verantwortung. Und nachher will es keiner gewesen sein.
Was gibt es, was dem VfL-Fan in der aktuellen Situation Mut machen kann?
Es war immer das Kennzeichen des VfL: Wenn es richtig eng wird, hält man zusammen! Was die Fans gegen Hertha BSC veranstaltet haben, hat Gänsehaut beim neutralen Beobachter verursacht. Da kann man sich vorstellen, was das bei den Protagonisten auf dem Platz auslöst. Sensationell! Es gibt eine Möglichkeit, in der Liga zu bleiben. Und daran sollten jetzt alle ohne persönliche Eitelkeiten arbeiten. Dass der VfL Bochum absteigt – nee, darüber kann ich mir keine Gedanken machen, das geht in meinen Kopf nicht rein.
Im Dezember sind Sie im RuhrCongress zu Gast mit „Neururers Ecke“. Was dürfen die Fans von Ihnen erwarten?
Von mir gibt’s authentische Aussagen. Mit Thomas Helmer spreche ich über die Vergangenheit, über meine Verbindung zum VfL Bochum – das wäre schon ein abendfüllendes Programm. Aber wir reden auch über die aktuelle Bundesliga, über Fußball im Ruhrgebiet. Und dann haben wir noch einen Überraschungsgast. In Bochum wird es jemand sein, der eine Menge Ausstrahlung und einen hohen Beliebtheitsgrad hat beim VfL.
Am Donnerstag, 4. Dezember, um 20 Uhr findet „Peter Neururers Ecke“ im RuhrCongress statt – eine Live-Talkshow rund um den Ball mit Hintergrund-Fakten und Geschichten aus der Fußball-Bubble, die man so wahrscheinlich nirgendwo sonst hören würde. Infos und Tickets: ruhrcongress-bochum.de
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