Wattenscheider zeigt Weltklasse
Agit Kabayel auf dem Box-Thron
Als Agit Kabayel am 5. September auf den Balkon des Bochumer Rathauses tritt, hält er endlich das in den Händen, wofür er jahrelang gekämpft hat: seinen offiziellen WBC-Weltmeistergürtel. Unten jubeln zahlreiche Fans, oben steht einer der besten Schwergewichtsboxer der Welt. Und doch ist es vor allem die Geschichte eines Wattenscheider Jungen, der ganz oben angekommen und seiner Heimat treu geblieben ist. Ein Beitrag von Kira Kosthorst.
Vor der Gürtelübergabe trägt sich Kabayel ins Goldene Buch der Stadt ein. Für den 33-Jährigen ist das mehr als ein offizieller Termin. „Ich bin ja kein Gast, erstmals in Bochum. Bochum ist meine Heimat“, sagt er. Schon bei einem früheren Rathausbesuch hatte er angekündigt, ins Goldene Buch zu gehören, wenn er Schwergewichts-Weltmeister sei. Nun kann er lächelnd feststellen: „Gesagt, getan.“
Nahbar und bodenständig
Geboren wurde Kabayel in Leverkusen, groß geworden ist er in Wattenscheid. Ende der 1990er-Jahre zog seine Familie ins Ruhrgebiet. Die Eltern betrieben einen Imbiss in der Wattenscheider Innenstadt, zeitweise wohnte die Familie in einem Raum dahinter. Später lebten Eltern und Kinder gemeinsam in einer kleinen Wohnung. Kabayel hat diese einfachen Anfänge nie versteckt. Heute trainiert er zwar in Düsseldorf und kämpft auf den größten Boxbühnen der Welt, sein Zuhause ist aber weiterhin Wattenscheid.





Seit Juni 2026 ist er offiziell WBC-Weltmeister im Schwergewicht. 27 Profikämpfe, 27 Siege, 19 davon durch K.o.: Eine Bilanz, die Kabayel an die Spitze des internationalen Boxsports gebracht hat. Bei der Feier am Rathaus wurde ihm der offizielle Gürtel vor den Fans überreicht. Anschließend nahm sich der Weltmeister noch Zeit für Fotos und Autogramme.
Dass ausgerechnet einer aus Wattenscheid diesen Weg gegangen ist, macht auch Bezirksbürgermeister Holger Dünnebacke stolz: „Als Bezirksbürgermeister von Wattenscheid ist das schon eine Ehre, so einen Mann jetzt da zu haben, an der Weltspitze.“ Für ihn passt Kabayel auch deshalb zu Wattenscheid, weil er trotz seines Erfolgs nahbar geblieben ist. Dünnebacke nennt ihn einen „Mann aus dem Volk“ und sieht in ihm jemanden, der das multikulturelle Wattenscheid weit über die Stadtgrenzen hinaus repräsentiert.
„Uns kommen die Tränen“
Hinter dem sportlichen Erfolg steht eine Familie, die jeden Kampf miterlebt hat. Kabayels Tante Besime Özdek beschreibt, wie anders sich ein Boxabend anfühlt, wenn dort nicht irgendein Schwergewicht im Ring steht, sondern der eigene Neffe: „Die anderen sagen: Schlag, Schlag, hau, hau. Aber bei uns, da kommen die Tränen runter.“
Auch Bruder Dogan hat jahrelang nur einen großen Wunsch gehabt. Obwohl er selbst eine kleine Tochter hat, erzählt er: „Ich habe nichts für sie gewünscht, nur für Agit, dass er Weltmeister wird. Und wir haben es geschafft.“
Und Kabayel selbst? Der denkt nach der großen Feier schon wieder an den Ring. Noch 2026 will er seinen Titel erstmals verteidigen. Sein Team stehe kurz davor, einen Gegner zu finalisieren, sagte er in Bochum. Als möglicher Kontrahent war zuletzt WBA-Weltmeister Murat Gassiev im Gespräch.
Egal, wo dieser nächste Kampf stattfindet: In Wattenscheid wird man ganz genau hinschauen. Denn aus dem Jungen aus dem Viertel ist ein Weltmeister geworden. Aber ein Wattenscheider ist er geblieben.
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